Hebammen aus Niedersachsen
Hebammenverband Niedersachsen e.V.

Zusammenfassung der Online-Diskussion zu den Wahlprüfsteinen des Aktionsbündnisses

Am 1.6. lud das Aktionsbündnis Gesundheit rund um die Geburt alle Interessierte an einer zukunftsorientierten Geburtshilfe in Niedersachsen zu einer Online-Diskussion ein. Auf dem Podium diskutierten Abgeordnete der verschiedenen Landtagsfraktionen sowie Silvia van Geel, Elterninitiative Mother Hood e.V. mit Veronika Bujny als Sprecherin Aktionsbündnis. Moderiert wurde die Veranstaltung von Birgit Ehring-Timm, ebenfalls Sprecherin des Aktionsbündnisses und Hilke Schauland vom Hebammenverband Niedersachsen. Die Politiker*innen wurden gebeten, ihre Antworten zu den Wahlprüfsteinen des Aktionsbündnisses „Gesundheit rund um die Geburt“ zu geben, während Silvia van Geel Wünsche der Eltern formulierte. Anlass sind die kommenden Landtagswahlen 2022 in Niedersachsen. Zu Gast waren:

  • Uwe Schwarz, SPD-Landtagsfraktion
  • Laura Hopmann, CDU-Landtagsfraktion
  • Meta Janssen-Kucz, Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • Susanne Schütz, FDP- Landtagsfraktion

Zunächst begrüßte Birgit Ehring-Timm die rund 60 Teilnehmerinnen und berichtete kurz über das Bündnis, welches sich 2017 gegründet hat und sich seitdem für die Umsetzung des Nationales Gesundheitsziels Gesundheit rund um die Geburt einsetzt.

Wahlprüfstein 1 „Geburtshilfe als Grundversorgung“

Frage:

Welche Schritte werden Sie unternehmen, damit Familien ihr Recht auf flächendeckende und wohnortnahe klinische Geburtshilfe erhalten?

Als zentralen Punkt macht Susanne Schütz den Fachkräftemangel aus, der letztendlich der Grund für die Kreißsaalschließungen zu sein scheint. Es sind nicht alle Studienplätze besetzt. Warum gibt es nicht genug Praxispartner? Der Beruf müsste zudem unter jungen Leuten beworben werden. Die Umsetzung einer Patientenzentrierten Betrachtung ist anzustreben.

Die Fallpauschale der Geburt muss bessergestellt werden, etwa eine gleiche Bezahlung wie bei einer Sectio, damit sich Arbeitgeber eine bessere Personalplanung leisten können. Sie überlegt, ob es sinnvoll wäre, junge Hebammen zunächst gesetzlich zu verpflichten zunächst in Kreißsaal zu arbeiten. In anderen Berufen gäbe es ähnliche Modelle.

Sie sieht als Grundproblem, dass die Geburtshilfe nicht kostendeckend ist. Es darf nicht sein, dass die Geburt ein Minusgeschäft ist und querfinanziert werden muss. Eine gleiche Bezahlung der Spontangeburt und Sectio wäre nicht ausreichend. Sowohl Personalmangel als auch Unattraktivität der Arbeit im Kreißsaal sind Probleme, die angegangen werden müssen. Klinikschließungen führen zu noch weniger Praxisplätzen für Studierende. Bujny warnt davor, ambulante Strukturen zu sehr in den Fokus zu setzen: Hebammengeleitete Abteilungen sind für Klinikkonzerne oder Geschäftsführungen eine Chance, um Personalkosten für die Ärzt*innen einzusparen. Durch dieses System werden die Haftpflichtsummen für Hebammen dann noch weitersteigen. Bei Schließungen von Kreißsälen können Hebammen keine außerklinischen Geburtsbetreuungen anbieten, da dies ein Organisationverschulden wäre, wenn der Verlegungsweg zum nächsten Klinikkreißsaal zu weit ist. Zur Änderung der DRGs muss eine Initiative aus Niedersachsen in den Bundesrat gelangen.

Sie sieht das zentrale Problem in den DRGs. Dies ist allerdings politisch auf Bundesebene angesiedelt. Auf der Landesebene kann die Politik beeinflussen, ob die Geburtshilfe im neuen Krankenhausgesetz in den Schwerpunktbereich aufgenommen wird, dann könnten neun weitere Häuser wegfallen. Sie ist hingegeben dafür, sich diese Planung genau anzuschauen, um die Versorgung mit einem Erreichbarkeitsradius von 30 Minuten sicherzustellen. Außerdem muss betrachtet werden, wie hebammengeleitete Kreißsäle etabliert und Beleghebammen gestärkt werden können. Die Versorgungslage und Bedarfe müssen genauer erhoben werden, weil sie regional sehr variieren. Die geburtshilfliche Forschung muss ausgebaut werden. Mit der Gesetzesreform ist es also noch nicht getan.

Zurzeit wird das gesamte Gesundheitswesen von der Anbieter- und Kostenseite betrachtet. Es gibt nur noch 70 geburtshilfliche Abteilungen. Ab 1200 Geburten kann eine Abteilung kostendeckend arbeiten. Was ist uns die Geburtshilfe wert? -ist eine gesellschaftliche Frage.

Hebammengeleite Kreißsäle ist ein gutes System, allerdings sind sie nur ein Ausfallschritt, denn trotzdem sind Ärzt*innen im Hintergrund notwendig. Die Forderungen des GBA sind ebenfalls ein Faktor. 18 von 21 der Maximalversorger in Niedersachsen erfüllen nicht die gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Das Land schließt keine Kliniken, sondern sie wurden bisher vom Markt geschlossen. Das neue Krankenhausgesetz versucht erstmals, Strukturen festzulegen. Zum Beispiel soll es ermöglichen, dass zeitgleich eine stationäre und ambulante Betreuung durch Fachkräfte möglich ist.

Niedersachsen wird hierfür in 8 Regionen aufgeteilt, die jeweils einen Maximalversorger haben, danach kommt die Grund- und Regelversorgung, danach Gesundheitszentren. Das ist neu und experimentell, soll aber Standorte sichern.

Anmerkung vom HVN: es sind nur etwa 64

Silvia van Geel findet es unbefriedigend, im Gespräch keine konkreten Schritte zu hören. Die Wahlfreiheit ist nicht gegeben. Die Wegstrecke ist für Eltern ein sehr zentrales Thema. Sie führt ein Beispiel auf, dass Schwangere nicht gleich bei der ersten Wehe losfahren, sondern durch die allgemein verfügbaren Informationen vorgeprägt zunächst abwarten, ob es wirklich Geburtswehen sind. Dann muss noch der*die Partner*in informiert werden und eintreffen, die evtl. schon vorhandenen Kinder untergebracht werden, dann erst geht’s zum Taxi oder Auto. Vielleicht ist Stau, vielleicht regnet es in Strömen- schnell ist die Strecke über eine Stunde lang. Das ist das echte Leben im Gegensatz zu einer theoretischen Minutenzahl auf Papier. Die Evidenz für ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind ist da. Das Risiko wird von den Gesetzgebern in Kauf genommen.

Aus dem Publikum wird eingeworfen, dass zunehmend weniger Menschen, auch auf dem Land, Autos haben, Leute in schlechter wirtschaftlicher Situation wie auch Geflüchtete und die Krankenwagentransporte zur Geburt also zunehmen werden. Die Rettungssanitäter sind aber zur Geburtsbegleitung zu wenig ausgebildet. Zudem fehlt es an Gründungsmöglichkeiten für Hebammen und Praxen, Kursräume sind zu teuer, viele Hebammen haben durch Corona die Kurse aufgegeben, die Verschlechterung der Versorgung nimmt an allen Ecken zu.

Wahlprüfstein 2 „1:1 Betreuung von Gebärenden“

Frage:

Für welche Maßnahmen werden Sie sich einsetzen, um die 1:1-Betreuung von Gebärenden in den Kreißsälen zu erreichen und damit die Situation in der klinischen Geburtshilfe für Gebärende, ihre Kinder und Hebammen zu verbessern?

Schon in der Schwangerschaft werden Eltern mit ganz vielen Sorgen belastet, die hohe Anzahl an zusätzlichen Untersuchungen und IGe-Leistungen sind da nicht förderlich, „Vorsorge“ wird zur „vorSorge“. Diese Kultur ist gesellschaftlich geprägt und die Geburt eine Blackbox für jede Schwangere. Es braucht daher einen Kulturwandel. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett müssen anders betrachtet werden. Eine Vorbereitung ist wichtig, es braucht Personal zur Unterstützung und um evtl. Pathologien zu erkennen. Für die Grenzerfahrung der Geburt ist gut ausgebildetes Personal mit guter kommunikativer Fähigkeit entscheidend. Es ist nicht absehbar, ab welchem Zeitpunkt/Geburtsphase eine intensive Betreuung notwendig ist. Die Bedürfnisse der Frauen müssen gesehen werden, dafür braucht es die 1:1-Beutreuung. Die Physiologie soll gefördert werden. Interventionen dürfen nur vorgenommen werden, wenn sie unbedingt erforderlich und mit der Gebärenden abgestimmt sind. Stärkeres Informieren der Eltern über ihre Rechte ist notwendig.

Unterstützt das Ziel der 1:1 Betreuung, die sich jede*r wünscht, sieht aber das Problem der Umsetzbarkeit. Ihre Koalition hat das Ziel auf Bundesratsebene das DRG-System anzugreifen. Die Frustration ist auch seitens der Politiker*innen gegeben. Mehr Personal auszubilden ist zentral.

Sie möchte sektorenübergreifenden regionale Versorgungszentren in Niedersachsen fördern. Das Haftpflichtsystem muss angepasst werden, zudem müssen die DRGs im Bund angegangen werden.

Sie stimmt bzgl. der DRGs ihren Vorrednerinnen zu. Außerdem muss es ihrer Meinung nach bessere Arbeitsbedingungen für Hebammen geben. Anderes Personal muss unterstützen, zum Beispiel sind Kreißsaal putzen und Bürokratie eine Arbeit, die abgegeben werden könnte. Es braucht zudem Regelungen für z.B. ältere Hebammen und Berufsrückkehrer*innen, deren besondere Situation beachtet werden sollte.

Uwe Schwarz stimmt ebenfalls der DRG-Änderungsthematik zu. Er erinnert daran, dass der GBA auch Ausnahmen von der 1:1-Betreuung vorsieht. Schwarz erläutert das Prinzip der geplanten Regionalen Versorgungszentren, in denen jeweils mindestens eine Hausärztliche Versorgung und eine Bettenführenden Abteilung mit 24/7 Versorgung sitzen müssen. In diesen Zentren kann je nach örtlichen Gegebenheiten ein Kreißsaal weitergeführt werden. Der Krankenhausplanungsausschuss, soll dann als neue Aufgabe dem Ministerium Vorschläge machen, wo Regionale Gesundheitszentren eingerichtet werden sollten, insbesondere als Ersatz für ein wegfallendes Krankenhaus. Mangels anderer gesetzlicher Grundlagen hat dieses die Gesundheitsenquete in Niedersachsen bewusst so empfohlen und das wurde in den Entwurf des neuen Nds. Krankenhausgesetzes so übernommen. Seiner Meinung nach ist dieses sektorenübergreifende Versorgungsmodell ein Modell der Zukunft.

Hilke Schauland wirft hierzu ein, dass so eine Mini-Geburtshilfeabteilung wahrscheinlich vergleichbar mit einem Geburtshaus sein wird und daher ohne nahegelegene Klinikgeburtshilfe gar nicht arbeiten könne. Zwei und mehr Gebärende gleichzeitig zu betreuen, schildert sie als sehr anstrengende Arbeit. 2700 Kolleginnen würden bei besseren Rahmenbedingungen in den Kreißsaal zurückkommen, doch momentan denken viele Kolleginnen ans Aufhören, weil sie regelmäßig mehr als 2 Geburten gleichzeitig betreuen müssen.

Veronika Bujny ergänzt, dass gerade die Spitzenversorger in Hinblick auf bessere Arbeitsbedingungen und frau-zentrierte Versorgung versagen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass bei einem schließenden Kreißsaal die Hebammen der Region nicht zum nächsten Zentrum wechseln, sondern eher beruflich etwa anderes machen. Sie betont mehrmals im Gespräch, dass die Geburtshilfe Besonderheiten und besondere Regelungen aufweist und deshalb die Verbände mit den Politiker*innen in Austausch bleiben müssen.

Wahlprüfstein 3 „Umsetzung des Nationalen Gesundheitsziels Gesundheit rund um die Geburt in Niedersachsen“

Frage

Wie unterstützen Sie die langfristige Umsetzung des gesamten Nationalen Gesundheitsziels „Gesundheit rund um die Geburt“ in Niedersachsen?

Die Umsetzung der 1:1-Betreung in der wesentlichen Phase der Geburt sieht sie als ersten wichtigen Schritt für die langfristige Umsetzung des Gesundheitsziels. Darauf würde sie eine Priorität setzen, sowie auf die Erreichbarkeit der Geburtshilfe innerhalb von 30 Minuten. Geburtshäuser möchte sie durch Zuschüsse fördern.

Er zitiert den Punkt 3 des Enqueteberichts. Die Umsetzung ist somit auch Handlungsauftrag für folgende Regierungen. Das Land fördert aktuell das Aktionsbüro. Das Maximum der politischen Möglichkeiten ist festgelegt.

Susanne Schütz betont, dass es mehrere einzelne Teilziele gibt, jenseits der Geburtshilfe. Sie möchte das Ziel bekannter machen, damit die entsprechenden Stellen und Menschen sich auch zuständig fühlen, ihren Teil zur Umsetzung beizutragen.

Hopmann ist der Meinung, es müssten die Vorsorgekapazitäten und die Versorgung für das Wochenbett gesteigert werden. Als eine Entlastung möchte sie flächendeckend Hebammenzentralen haben, um die Mangelverwaltung zu übernehmen. Ihr persönlich wichtig (ohne Absprache mit ihrer Fraktion) ist die mentale Gesundheit während der Phase der Familienwerdung. Es sollte einen Anspruch auf ein seelsorgerisches Gespräch nach 6-8 Wochen nach der Geburt geben, außerdem den 10-tägigen Vaterschaftsschutz und die Umsetzung der EU-Vereinbarungsbarkeit-Richtlinie auf Bundesebene.

Silvia van Geel wird von Birgit Ehring-Timm gebeten ein Schlusswort zu sprechen. Sie nimmt den Standpunkt ein, dass es ein sehr emotionales Thema ist und man die Strukturen und Emotionen zusammenbringen muss. Eltern und Frauen kennen leider oft ihre Rechte nicht, müssen im Bereich der Vorsorge und Geburtshilfe für sich kämpfen, obwohl sie Unterstützung bräuchten. Es muss sich vieles in der Kultur der Geburtshilfe verändern und die Strukturen müssen sich den Bedarfen der Familien anpassen. Sie bittet eindringlich darum, das Aktionsbüro für die Umsetzung des Gesundheitsziels über die geplanten zwei Jahre hinaus zu finanzieren, denn es wird länger brauchen.

Birgit Ehring-Timm und Veronika Bujny danken allen für die Teilnahme an diesem Termin im Namen des Bündnis.

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