Am 26.6. fand in Hannover die Tagung des Aktionsbündnisses „Gesundheit rund um die Geburt in Niedersachsen“ statt. Der Hebammenverband Niedersachsen ist Gründungsmitglied, daher waren bei der interdisziplinären Tagung auch viele Hebammen vertreten. In einigen Vorträgen wurde das Gesundheitsziel und seine Wichtigkeit für Frauenrechte, Mütter und ihre Babys erläutert, Möglichkeiten der Umsetzung und die Bedeutung für die Hebammenarbeit aufgezeigt. Im zweiten Teil gab es einen Workshop mit Austausch nach der Worldcafé-Methode, um Bedarfe zu ermitteln.

Vorträge gab es von Dr. Carola Reimann, Niedersächsische Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, Dr. Katharina Hartmann vom Mother Hood e.V., Thomas Altgeld von der Vereinigung für Gesundheit und der Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V., Prof Dr. Mechthild Groß von der Medizinischen Hochschule Hannover, Ulrike Hauffe, Bremer Landesfrauenbeauftragte a.D. und Birgit Ehring-Timm, Gleichstellungsbeauftragte Stadt Aurich.

Während Ministerin Reimann über den Versorgungsauftrag referierte, verdeutlichte Katharina Hartmann die Elternperspektive anhand einiger Beispielfälle, dass die Umsetzung des Gesundheitsziels dringend passieren muss. Die Fälle erzählten Schicksale von Schwangeren, die unzureichend betreut oder durch medizinisches Personal bevormundet wurden. In den meisten Fällen hatte dies körperliche oder psychische Folgen für Mütter, Babys und ihre Familien. Auch bemängelte sie die teilweise schlechte Zusammenarbeit zwischen Hebammen und Ärzt*innen – Konflikte, die auf dem Rücken der Schwangeren ausgetragen werden.

Thomas Altgeld stellte noch einmal das Gesundheitsziel und seine Potenziale vor. Professorin Mechthild Groß erläuterte die Bedeutung der gesundheitsziele für die Hebammenarbeit. Sie stellte positiv fest, dass für das Gesundheitsziel ein frauenzentrierter Zugang gewählt wurde, der an Wohlbefinden und Gesundheit ausgerichtet ist und Pathologisierung vermeiden will. Die Bindung von Mutter und Kind soll von Anfang unterstützt werden. Die 1:1-Betreuung der schwangeren, welche ideal wäre, ist jedoch leider noch lange nicht Realität und die Sectiorate ist in zahlreichen Ländern, so auch in Niedersachsen unnötig hoch. Gerade in von Armut betroffenen Staaten, so zeigt Groß anhand verschiedener Statistiken auf, liegt sie teilweise bei 50-60%. Zu begründen sei dies dadurch, dass hier von den reicheren Ländern OP-Technik exportiert wurde – keine Betreuung. In Deutschland hat die Zahl der Entbindungskliniken in den letzten Jahren abgenommen, während aber die Geburtenzahl gestiegen ist. Qualitative Betreuung von Schwangeren und Frauen unter der Geburt ist daher nicht mehr selbstverständlich, was problematisch ist, gerade weil das Spektrum der Gesundheit immer heterogener wird. Die Beschäftigungsfelder der Hebammen nehmen zu. Mit einigen weiteren Studien legt Groß dar, dass sich Hebammenarbeit positiv auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirkt. Die Akademisierung des Hebammenberufs ist ein guter und notwendiger Schritt.

Ulrike Hauffe sprach anschließend zur Umsetzung des Gesundheitsziels. Sie sieht die gleichen Handlungsbedarfe, wie die Vorrednerinnen Hartmann und Groß. Die Arbeitshaltung sollte daher sein, Gesundheit bedeutet, sich wohl zu fühlen, Verantwortung für sich selbst übernehmen zu können und in soziale Beziehungen eingebunden zu sein. Somit sind Frauen „Expertinnen ihrer eigenen Gesundheit und ihres Lebensalltags. Daraus leitet sich unsere Aufgabe für Empowerment und Wachstum ab. Das funktioniert nur, wenn wir vom Bedarf aus denken, also von den Bedürfnissen von Frauen, Kindern und Familien.“ Weiterhin stellt sie in ihrem Vortrag Umsetzungsthemen aus den Teilzielen zur Schwangerschaft, Geburtshilfe, Wochenbett und Familienentwicklung vor. Viele davon zielen auf intensivere Betreuung und Beratung der Frauen ab und auf das Eingehen auf ihre Bedürfnisse. In allen drei Phasen soll auch das Stillen besonders thematisiert werden, unter anderem da dies ein Wichtiger Faktor in Sachen Bindung ist. Im Anschluss stellt sie Umsetzungsschritten von Bundesländern vor, die sich im Prozess der Umsetzung befinden. Hier haben die meisten mit Vernetzung durch Arbeitsgruppenbildung und Tagungen begonnen, Bedarfe erforscht und sich individuelle Teilzeile wie z.B. die Senkung der Sectiorate gesetzt. Das Miteinander-Arbeiten der unterschiedlichen Berufsgruppen wird auch in diesem Beitrag wieder als bedeutungsvoll betont.
Im letzten Vortrag von Birgit Ehring-Timm werden die Erfahrungen mit CEDAW, der UN-Frauenrechtskonvention, am Modellstandort Aurich vorgestellt. Als einer von Fünf Modellstandorten in Niedersachsen, wurde für Aurich das eigene Thema „Gesunde Geburt auf dem Land“ gewählt. Zur Umsetzung wird auf Netzwerke gesetzt und diese durch Tagungen und andere Veranstaltungen gefördert. Zudem wurde die „Westersteder Erklärung“ unterzeichnet.