Pressemitteilung, 17. Dezember 2017 , HV Niedersachsen


Geplanter Studiengang
Region droht Rückschlag im Kampf gegen Hebammen-Mangel

Die MHH droht ihre einzige habilitierte Hebamme zu verlieren. Für den geplanten Studiengang für Hebammenwissenschaften ist sie unabdingbar. Aber die Region Hannover und das Land Niedersachsen tun nichts, um sie zu halten.

Artikel veröffentlicht: Dienstag, 12.12.2017 21:24 Uhr von Jutta Rinas

Die MHH droht mit einem ihrer wichtigsten Vorhaben zur Bekämpfung des Hebammenmangels zu scheitern, mit der Installierung eines Hebammen-Studiengangs in der Landeshauptstadt.

Quelle: Enrico Kugler

 

Hannover .  Schlechte Nachrichten für die schwangeren Frauen in der Region: Die MHH droht mit einem ihrer wichtigsten Vorhaben zur Bekämpfung des Hebammenmangels zu scheitern, mit der Installierung eines Hebammen-Studiengangs in der Landeshauptstadt.Die MHH droht mit einem ihrer wichtigsten Vorhaben zur Bekämpfung des Hebammenmangels zu scheitern, mit der Installierung eines Hebammen-Studiengangs in der Landeshauptstadt. Der Grund: die habilitierte Hebamme Mechthild Groß, die derzeit an der MHH einen  Masterstudiengang für Hebammenwissenschaft leitet und mit der die Pläne der MHH eng verknüpft sind, droht abzuwandern. Sie hat nach Informationen der HAZ einen Ruf auf eine W2-Professur in Lübeck erhalten. An der dortigen Universität ist zum Wintersemester 2017/18 ein universitärer Bachelorstudiengang Hebammenwissenschaft gestartet, den sie offenbar maßgeblich mitgestalten soll. 

In Hannover findet die MHH derzeit aber offenbar weder bei der Region noch beim Land finanzielle Unterstützung dabei, die Frau zu halten, die bundesweit als Koryphäe ihres Faches gilt.  Es gebe an der Hochschule Osnabrück bereits einen Bachelorstudiengang mit 37 Plätzen, heißt es vonseiten des Wissenschaftsministeriums lapidar. Ein Ruf von Groß nach Lübeck sei im Haus nicht bekannt. Bei der Region konnte man den Vorgang in Unkenntnis der Personalie überhaupt nicht kommentieren. 

Experten: Akademisierung der Hebammen-Ausbildung notwendig

Dabei ist es unter Experten unumstritten, dass eine Akademisierung der Ausbildung der Hebammen in Hannover dringend notwendig ist. Das zeigt ein Konzeptpapier, das die „Arbeitsgruppe Hebammenausbildung in der Stadt und der Region“ in der ersten Jahreshälfte 2017 entwickelt hat. Das Papier liegt der HAZ vor. Mitgewirkt haben die vier großen Geburtskliniken der Region – MHH, Diakovere, Klinikum Region Hannover (KRH), Vinzenzkrankenhaus – dazu das Kinderkrankenhaus Auf der Bult, der niedersächsische Hebammenverband und die Region Hannover.  Ein Kernpunkt ist die Reform der Hebammenschule am KRH: Bei der praktischen Ausbildung der Hebammen kooperieren die Geburtskliniken künftig. Dazu wird die Zahl der Plätze für Hebammenschülerinnen sukzessive von 30 auf 60 verdoppelt. 

Ein zweites, zentrales Anliegen ist die Akademisierung der Hebammenausbildung in der Region. Die Arbeitsgruppe weist “übereinstimmend mit den Empfehlungen der Hebammenverbände, der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft, dem Wissenschaftsrat und dem Bundesgesundheitsministerium“ auf die „Notwendigkeit, Machbarkeit und Dringlichkeit der Etablierung eines Bachelorstudiengangs Hebammenwissenschaft in Hannover hin.“ Mit einer hochschulischen Hebammenausbildung an der MHH könne die Versorgungssituation schwangerer Frauen in Stadt und Region deutlich verbessert werden.

Wie dringend nötig das wäre, zeigt nicht nur Klinikbetreiber Diakovere , der wegen des leergefegten deutschen Marktes mittlerweile in Italien nach Hebammen sucht. Im Schnitt 30 Prozent der Schwangeren bekämen schon heute keine Hebammenhilfe mehr bei der Vor- oder Nachsorge, obwohl die Frauen 15, 20 Hebammen anriefen, sagt die Vorsitzende des niedersächsischen Hebammenverbandes, Veronika Bujny. In den nächsten acht Jahren gingen zudem 25 Prozent der niedersächsischen Hebammen in Rente. „Wir bekommen eine riesige Unterversorgung, wenn wir die Ausbildung für Hebammen nicht schnellstmöglich attraktiver machen“, sagt Bujny. 160 Studienplätze für Hebammen brauche das Niedersachsen jährlich, um den Bedarf zu decken, schätzt sie.  Es sei fahrlässig, wenn Land oder Region nicht versuchten, mit einer Stiftungsprofessur oder einem  Sonderfonds für einen Hebammenstudiengang an der MHH eine so herausragend qualifizierte Hebamme zu halten. 

Man sei in Hannover mit der Neukonzeption der Hebammenschule am KRH endlich auf einem guten Weg gewesen, um für den dringend benötigten Nachwuchs an hannoverschen Geburtskliniken zu sorgen, sagt Prof. Hillemanns, Leiter der Frauenklinik der MHH.  Dieser Prozess, der in der Akademisierung der Hebammenausbildung aufgehen müsse, werde durch den möglichen Weggang von Mechthild Groß „extrem gefährdet“. 

Kommentar: Erschreckendes Desinteresse der Politik

Es ist nur auf den ersten Blick bloß eine Personalie, wenn die MHH eine der wenigen habilitierten Hebammen Deutschlands möglicherweise an die Uni Lübeck verlieren wird. Auf den zweiten Blick zeigt sich dahinter noch etwas ganz anderes: ein erschreckendes Desinteresse der Politik an der Geburtshilfe in der Region.

 Nicht genug damit, dass die Wechselgerüchte seit Wochen die Runde machen. An den entscheidenden Stellen in Land und Region weiß man davon offiziell: nichts. Bei der Regionsverwaltung scheint es überdies mittlerweile so, als habe man mit der Geburtshilfe in der Nordstadtklinik gleich die Verantwortung für die Geburtshilfe in der gesamten Region mit abgegeben. 

 Beim Land fällt die Große Koalition schon zu Beginn ihrer Regierungszeit wider besseres Wissen vieler Experten hinter Versprechungen von Politikerinnen aus der rot-grünen Koalition zurück. Frauen sollten sich das merken, wenn in Sonntagsreden wieder betont wird, wie schön es ist, dass sie mehr Kinder kriegen. Den Hebammenmangel in der Region und bundesweit zu bekämpfen sollte aber mehr Anstrengung wert sein.